Kaschmir 2018

Augenblicke

1832 Uhr: Die Muezzins singen ihre Gebete mehrstimmig in den klaren Raum. Die Vögel sind verstummt, richten sich auf ihren Schlafbäumen ein, die Nacht fällt über das Kaschmirtal. Drüben, bei Ashey Bagh, rollt der Feierabendverkehr unhörbar vorbei, lediglich ein paar Autohupen erschallen dann und wann. Neben mir steht eine Vase mit verwelkten Blumen. Ayoub wird sie heute noch entsorgen, auf den Kompost werfen. Ayoub macht sich Sorgen, sein Vater wurde von seinem Pferd getreten und war deswegen im Spital, jetzt wird er zu Hause gepflegt. Gehen kann er nicht mehr. Da! Der Mond schwingt sich über die Zabarwan-Berge!

0707 Uhr: Mr. Bulbul war gerade hier, ein sehr braver Mann, immer lustig und fleissig. Er ist über siebzig Jahre alt, aber täglich um sieben Uhr kommt er mit seinem kleinen Schiffchen voll beladen mit Blumen bei mir vorbei. Wir schwatzen und scherzen und lachen. Ich kaufe ihm zwei Vasen voller Blumen ab, und er schenkt mir eine dritte dazu: «Das Geld dafür kannst du mir am Freitag geben», und er lacht schon wieder.

0820 Uhr: Seit ein paar Tagen habe ich zwei neue Freunde, Hirtenstare. Kürzlich ist einer in das Hausboot spaziert, über die Seidenteppiche direkt auf eine Schale zu, worin sich Baumnussstücke befinden. Irgendwie musste er das von draussen gesehen haben und hat sich vorgewagt. Ich liess ihn gewähren und sah, wie er mit einem grossen, dem grössten Stück Nuss davonflog. Heute ist er mit seiner Partnerin in meiner Stube herumspaziert und prüfte, ob da noch mehr zu holen wäre. Irgendwie scheinen sie sich an meine Anwesenheit zu gewöhnen, denn sie sind gar nicht ängstlich. Im Flughafen von Srinagar überwintern hunderte dieser geselligen, immer paarweise auftretenden Vögel in den geräumigen, warmen Hallen, wo es immer Krümel zu finden gibt.

0708 Uhr: Die Sonne ist soeben über den Zabarwan-Bergan aufgegangen. Zahlreiche Vögel zwitschern und singen, die Milane wiehern, während sie am Himmel kreisen. Mr. Bulbul ist heute nicht erschienen.

0915 Uhr: Bei meinem Nachbar Mr. Sultana herrscht Betrieb. Eine grössere Gruppe aus Thailand hat Station gemacht in seinen Hausbooten «Shalimar» und «Moonshine». Davor ankern etwa sieben Shikara-Gondeln, bemannt mit Verkäufern, welche die Touristen schon während des Frühstücks überfallen und ihnen allerlei andrehen wollen: Papiermaché, Holzschnitzereien, Schmuck, Shawls, Safran und vieles mehr.

0930 Uhr: Eine Gruppe aus China war auf meinem Boot, drei junge Paare aus Shanghai. Sie waren nicht besonders gesprächig, obwohl sie alle leidlich gut Englisch sprachen. Eine der jungen Damen aber zeigt mir viele Bilder, die sie in diesem Jahr (vermutlich im Frühling) auf der Kleinen Scheidegg und auf dem Jungfraujoch aufgenommen hatte. Das touristische Potenzial zwischen China und Indien ist enorm. Tausende indischer Pilger reisen jeden Sommer nach Tibet, um den Kailas zu umrunden. Immer mehr Touristen aus dem Land der Mitte besuchen nun Indien. Das ist ein gutes Zeichen der Entspannung zwischen diesen beiden riesigen Staaten.

1030 Uhr: Bei Mr. Beigh herrscht eigentlich immer Betrieb. Mr. Beigh besitzt einen fesch eingerichteten Schuhladen, zuvor besass er jahrzehntelang ein erfolgreiches Pelzgeschäft, doch die dramatisch sinkende Nachfrage nach Pelzmänteln zwang ihn, auf Schuhe umzusatteln. Dieser stolze, aufrechte, weissbärtige Kaschmiri ist sicher weit über achtzig Jahre alt, sein über sechzig Jahre alter Sohn steht wie ein Lehrling im Ecken des Geschäfts, während Mr. Beigh mit all seiner Alterswürde und dem Charisma eines Patriarchen weise lächelnd auf dem Thron hinter der Kasse sitzt, direkt beim Eingang des Ladens. Da tritt eine vermutlich junge Frau ein, in schwarzer Vollverschleierung. Sie trägt zudem schwarze Handschuhe. Nur die Augen sind zu sehen, mandelförmige, sehr lebendige, schwarze Augen. Sie spricht kurz mit Beigh, der sie offenbar etwas gefragt hat, denn plötzlich – meine Anwesenheit erkennend – antwortet sie ihm Englisch. Offenbar hatte dieser sie auf ihre Burka angesprochen, denn Frauen in diesem Aufzug sind auch im komplett islamischen Kaschmir eher selten zu sehen. «Ich fühle mich geschützt und geniesse Bewegungsfreiheit, zudem verbirgt die Vollverschleierung mein Alter», sagt sie mit lebendiger, eher jugendlich anmutender Stimme. Sie schaut mich eine Weile an, denn mein Khan-Dress mit dem knielangen Hemd und mein Gilet in schwarz-rotem Wollstoff scheint sie zu verunsichern. Beigh hat das bemerkt und sagt ihr: «Wir nennen ihn koshr-angrez, den kaschmirischen Engländer!»

1333 Uhr: Vor vielen Jahren kurierte ich im Haus meines alten Freundes Subas Singh Lama in Kimalung eine Gelbsucht aus. Während er und sein Bruder Antare im Wald Bretter für die geplante Schule sägten, sass ich auf dem Balkon seines Anwesens und beobachtete eine Gruppe Hühner, die rund ums Haus aktiv waren, Futter und Blutegel pickten, sich putzten und Staubbäder nahmen. Dabei bin ich zur Überzeugung gelangt, dass diese Hühner untereinander ein Kommunikationssystem haben, bescheiden vielleicht, aber effizient. Wichtige Informationen über Futter und Gefahren wurden laufend ausgetauscht. Heute geht es mir ähnlich. Zwar kuriere ich nicht eine Gelbsucht aus, aber ich beobachte auf dem Balkon des Hausboots eine Gruppe von Hirtenstaren. Zunächst war es nur ein Paar, nun kommen vier Paare regelmässig zu mir auf den Balkon des Hausboots. Ganz unaufgeregt spazieren sie auf der geschnitzten Brüstung und auf den Polstern herum, schnattern, quieken, gurgeln und klicken dauernd. Sie imitieren bereits einen Pfiff, den ich meinerseits an sie richte, sie scheinen mich mit eben diesem zu rufen, wenn ich – in ein Buch versunken oder am Laptop schreibend – meine Aufmerksamkeit von ihnen abwende.

1830 Uhr: Heute ist Sonntag und über eine Milliarde Menschen in Indien geniessen ihren freien Wochentag, die meisten davon sitzen vermutlich vor ihren PCs und Laptops, und das Internet scheint zu bersten, die Server verlangsamen sich dramatisch. Deshalb habe ich heute Mühe, meine Beiträge aufzugleisen…

1835 Uhr: Hausboot, Wohnschiff, Wohnboot, Schwimmhaus… alle Ausdrücke treffen eigentlich auf meine derzeitige Wohnstätte zu. Es handelt sich um eine Weiterentwicklung der kaschmirischen dunga, ein kleines Wohnschiff, auf denen die Fischer und Gemüsebauern ursprünglich auf den Seen Dal, Nageen, Anchar, Wular und auf dem Fluss Jhelum hausten. Die Engländer haben diese dungas im 19. Jahrhundert vergrössert, hauptsächlich verbreitert, und sich ebenfalls darauf eingerichtet, meist mit schwülstigen viktorianischen Möbeln, Sofas, Fauteuils, Tischen, Stühlen, Teppichen, Deckenleuchtern und allerlei Schnickschnack. Nach 1947 sind die meisten dieser Hausboote (wie sie hier ausschliesslich genannt werden) für den Tourismus umgenutzt worden, daneben wurden laufend neue dazugestellt. Einst gab es gegen 1500 Hausboote, heute noch gegen 800, hauptsächlich auf den Seen Dal und Nageen. Der Schwimmkörper eines Hausboots ist aus Pinienholz zusammengesetzt, der oft reich geschnitzte Aufbau aus fein duftendem Zedernholz. Die Lebensdauer eines Hausboots liegt zwischen 80 und 100 Jahren, je nach Pflege und Nutzung. In Kaschmir sind die Hausboote an den Ufern der Seen befestigt, sie schwimmen jedoch und können deshalb auch ohne weiteres an andere Standorte verschoben werden. Auf Grund der geringen Tiefe der Seen geschieht der Antrieb durch Stangen, wobei die Schiffer entlang der beidseitig angebrachten Laufstege gehen und so das Boot langsam bewegen.

1100 Uhr: Ghulam Mohammad, der dhobi, ist soeben mit seinem Motorroller am Ufer vorgefahren. Im kastenlosen islamischen Teil Indiens werden die Wäscher auch mit dem hinduistischen Kastennamen dhobi benannt. Er holt die Wäsche

ab, die Wäsche der Gäste, die Wäsche für das Hausboot. Er fährt mit seinem Roller nach Hazrat Bal, wo er am Dal-See einige Männer beschäftigt, die tagaus-tagein, Sommer und Winter, mit ihren nackten Füssen in grossen Tonnen stehend die Wäsche in einer Seifenlauge stampfen, dann ausspülen und auswringen. Danach werden die gewaschenen Teile an Gitterzäunen aufgehängt, damit sie die Sonne und der Wind trocknen können. Schliesslich kommt ein Mann mit einem altmodischen Bügeleisen, das mit Holzkohle befeuert wird, und glättet schneidige Bügelfalten in die Hosen, legt die Hemden kunstvoll zusammen und faltet die Tücher milimetergenau. Er beendet die Prozedur, indem er alles in ein Tuch legt und dieses zuknöpft. Danach packt Mr. dhobi diesen Bund unter seine Arme, schwingt sich auf den Roller und kommt wieder bei uns vorbei, um die Wäsche abzuliefern und die Rechnung zu präsentieren.

0945 Uhr: Die kaschmirische Küche unterscheidet sich sehr von den kulinarischen Gepflogenheiten Indiens. Das Klima in Kaschmir ist anders, milder, viel kälter im Winter, nicht so heiss im Sommer. Zwischen Mitte Dezember und Ende Januar liegt meist Schnee in Srinagar (1750 m), und die Seen frieren zu. Dieses Klima findet auch seinen Niederschlag in den Gerichten, die einen wesentlich grösseren Anteil an Fetten und Saucen aufweist. Die kaschmirische Küche ist eine Winterküche. Zwar wird auf traditionelle indische Gewürze nicht verzichtet: Koriander, Gelbwurz, Kreuzkümmel, Safran, Kardamom, Zimt, Pfefferschoten – die Kaschmiri jedoch verzehren wesentlich mehr Fleisch, vor allem Schaf, Lamm, Huhn, Ente, Gans, Fisch. Der lokale Reis ist etwas pappig, aber sehr schmack- und nahrhaft, und ergänzt die fetthaltigen Speisen sehr gut. Gemüse gibt es im Tal in Hülle und Fülle, wobei sich zahlreiche Sorten im Laufe der Jahreszeiten ablösen. Typisch kaschmirisch sind vor allem Lotuswurzeln (nadru), ein etwas bitterer, aber köstlicher Spinat (haak), sehr aromatische Kartoffeln, als Curry köstlich zubereitete Quitten (baam choonth) und Wasserkastanien. Das Fleisch, der Fisch und das Federvieh werden vor dem Kochvorgang mit scharfen Messern in mundgerechte Stücke zerhackt. Beim Essen ist deshalb Vorsicht geboten: Knochensplitter und Geräte von unterschiedlicher Grösse und Schärfe kommen regelmässig zum Vorschein, oft hat man das Gefühl, Rasierklingen zu essen, die von ein wenig Fleisch umgeben sind. Alles Gewöhnungssache…

1422 Uhr: Heute früh ist die grosse Gruppe aus Thailand in Richtung Delhi und Agra abgereist. Mittags hat ein Ehepaar aus Indien eingecheckt. Kurz vor deren Ankunft kam deren Reiseleiter ins Hausboot und zog alle Vorhänge zu. Da die Sonne sowieso etwas blendete, und ich dadurch den Cursor auf meinen Bildschirm nicht mehr fand, war ich diesem Mann zunächst dankbar. Aber, wenn man die Vorhänge zieht, sieht man den See, die wunderschöne Aussicht auf die Berge und die vorbeischleichenden Shikaras (Gondeln) nicht mehr. Für meine Begriffe verliert man eindeutig an Qualität, wenn man sich der visuellen Dimension der einmaligen Lage des Hausboots beraubt. Für die Inder ist das nicht so wichtig, viel wichtiger ist für sie, dass niemand, aber auch gar niemand in das Boot hineinsehen kann. So kommt es auch, dass am kleineren Arm des Nageen-Sees an exklusivster Lage Villen gebaut wurden, die durch wirklich

äusserst hässliche, meterhohe Palisaden aus Wellblech vom See abgegrenzt wurden. Damit berauben sich die Inhaber dieser Häuser der unbezahlbaren Aussicht, aber sie erkaufen sich dadurch die offensichtlich nötige Privatsphäre.

1540 Uhr: Die Hirtenmainas, auch Rupi genannt, leisten mir regelmässig Gesellschaft. Es sind manchmal acht dieser drolligen Vögel, die auf die Brüstung des Balkons fliegen und auf den Polstern herumstolzieren. Es kann sein, dass ich mich verzählt hatte, denn in den letzten Tagen sind es nur deren sieben. Einer ist sehr zutraulich. Er kommt immer alleine und sitzt eine halbe Stunde auf dem kleinen Törchen, das zu jener Treppe führt, über die man vom Hausboot auf die Shikara steigt. Da sitzt er also, schaut mir zu, wie ich lese oder schreibe, trällert seine Melodien und gurrt und klickt und pfeift. Diese Mainas pflegen eine lebenslange Partnerschaft, in der Regel sieht man deshalb immer deren zwei, ein Männchen und ein Weibchen. Mein Kollege, der mir regemässig Gesellschaft leistet, ist aber alleine. Sitze ich nicht auf dem Balkon, sondern im Aufenthaltsraum, so marschiert er draussen vor den Fenstern herum und schaut, wo ich bin. Hat er mich entdeckt, klopft er mit seinem gelben Schnabel an das Fenster. Ein einzelner Rupi soll Glück bringen, sagt man.